Handbuch Evangelikalismus (Rezension)

Mit dem „Handbuch Evangelikalismus“ läge die erste deutschsprachige Überblicksdarstellung vor über die christlichen Gruppen, die unter diesem Stickwort zusammengefasst werden können  – mit diesem hohen Anspruch bewirbt der Bielefelder transcript-Verlag das 2017 erschienene Buch.

Herausgegeben von Fredrik Elwert, Martin Rademacher und Jens Schlamelcher vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Universität Bochum stellen 25 Autorinnen und Autoren in insgesamt 27 Einzelbeiträgen verschiedene Aspekte dieser Bewegung dar. Den Anfang bilden Annäherungen an das Phänomen Evangelikalismus und ausführliche Reflexionen über den Forschungsgegenstand. Der folgende erste Hauptteil beschreibt die Entwicklungsgeschichte in Europa und Nordamerika sowie die globale Ausbreitung ab 1950. Der zweite Hauptteil untersucht analytisch in Einzelbeiträgen Glaubenspraxis, Sozialformen und schließlich einzelne gesellschaftliche Funktionsbereiche (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Erziehung, Sport, Soziale Fürsorge, Musik und Massenmedien). Ein Ausblick verortet schließlich den Evangelikalismus zwischen Moderne und Postmoderne. Jedes Kapitel verweist auf weiterführende Literatur, wichtige Veröffentlichungen werden knapp skizziert.

Damit nimmt das Handbuch die Vielgestaltigkeit evangelikaler Bewegungen in den Blick und liefert einen großen Überblick, bestehend aus zahlreichen Detailanalysen.

Bislang waren Veröffentlichungen über evangelikales Christentum eher theologisch akzentuiert (Reinhard Hempelmann, Erich Geldbach, Hansjörg Hemminger), teilweise aus einer Binnensicht geschrieben (Stephan Holthaus). Sofern sie nicht pauschal den Fundamentalismus-Vorwurf gegen alle Evangelikalen erhoben (Oda Lambrecht / Christian Baars), zeichneten sie alle das Bild einer relativ heterogenen Bewegung, deren Zentrum durch das „Bebbington quadrilateral“ aus conversionism, biblicism, crucicentrism und activsm beschrieben werden kann: Zum „Evangelikalismus“ gehöre demnach das persönliche Konversionserlebnis, die zentrale Rolle der Bibel und des Kreuzestodes Jesu und eine religiöse Praxis mit Gebet und Mission sowie einer Ethik, die sich vor allem aus Gottes Ordnungen entwickle.

Das „Handbuch Evangelikalismus“ nimmt diese Charakterisierung auf, ordnet sie aber einer evangelikalen Selbstzuschreibung zu. Demgegenüber – und das neu – arbeiten die hier vertretenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dezidiert mit einer religionswissenschaftlich distanzierten Außenperspektive, die auf empirischen Forschungen beruht, um nicht vorschnell Diskurse und Sprachspiele aus evangelikaler Binnensicht zu übernehmen. Das führt im Eingangsteil zu wichtigen und interessanten Reflexionen zum Forschungsfeld: Was soll sinnvollerweise unter „evangelikal“ verstanden werden? Empirische Prüfungen würden beispielsweise zeigen, dass die Bibelzentriertheit im Alltag durchaus zu Mehrdeutigkeiten bis hin zu Widersprüchen führe.

Der religionswissenschaftliche sicherlich gebotene Verzicht auf eine inhaltliche Näherbestimmung des Forschungsfeldes aus der Binnenperspektive sich als evangelikal verstehender Vertreter führt dazu, dass sich das Forschungsfeld als sehr uneinheitlich erweist, so dass nicht nur in der Eingangsreflexion, sondern in nahezu jedem Kapitel wieder neu über den Gegenstandsbereich diskutiert werden muss. Das führt bei der Lektüre zu einer ganzen Reihe von Wiederholungen. Auch die Genese der evangelikalen Bewegungen wird mehrfach erzählt (wenn etwa in 2.1.1 und 2.2.6 jeweils die europäische Entwicklung und ihre Einflüsse wiedergegeben werden). Demgegenüber fehlt der globale Evangelikalismus vor 1950.

Vor allem die unterschiedlichen Antworten auf die Frage , ob und in welcher Weise pfingstlich-charismatische Bewegungen zum Gegenstandsbereich „Evangelikalismus“ gehören, führt zu einem sehr heterogenen Bild, z.B. in der Analyse unterschiedlicher gesellschaftlicher Funktionsbereiche:

  • Obwohl Musik innerhalb der evangelikalen Bewegung von Anfang an eine wichtige Rolle spielte, stellt das entsprechende Kapitel nur die Popkultur neucharismatischer Megakirchen vor, die zwar in der Außenwahrnehmung dominieren, längst aber nicht das gesamte Feld abdecken. Nach wie vor finden sich im deutschsprachigen Raum evangelikal geprägte Liederbücher ohne oder nur mit begrenztem charismatischem Teil (z.B. „Fontäne“, „Fontäne in blau“, „Sein Ruhm – unsere Freude“ usw.).
  • Andersherum verhält es sich im Kapitel über Erziehung, in dem sich die Autorin lediglich auf die Besonderheit russlanddeutscher Aussiedlergemeinden bezieht, deren „Familienreligion“ (S. 335) sich keineswegs auf andere Kulturen übertragen lässt und schon gar nicht „von vielen Evangelikalen geteilt“ (334f) wird.

Beide Phänomene werden gleichermaßen als „evangelikal“ charakterisiert. Besonders problematisch wird diese divergierende Verhältnisbestimmung zwischen Evangelikalismus und charismatischem Christentum, wenn an einer Stelle die Fragestellung umgekehrt wird: Muss vielleicht in Zukunft „der weltweite Evangelikalismus als Teil der Pfingstbewegung verstanden werden“? (S. 105).

So entsteht als Gesamteindruck: Das „Handbuch Evangelikalismus“ stringent und klar in den einzelnen Aspekten, die es untersucht. Im Blick auf die Gesamtanlage stellt sich aber die Frage, inwieweit man hier von einem einheitlichen Forschungsgegenstand sprechen kann. Möglicherweise geht dies doch nicht ohne eine Bezugnahme auf die evangelikale Binnensicht. Deren zentrale  Themen sind nach meiner Kenntnis evangelikalen Lebens in Deutschland die Betonung des Glaubens als einer persönlichen Beziehung und das Verständnis von Kirche als Gemeinschaft deren, die an Jesus Christus als ihren persönlichen Erlöser glauben, sich aktiv mit ihren Gaben am Gemeindeleben beteiligen und von der Autorität der Bibel überzeugt sind. Würden sich besonders die Analysen der Funktionsbereiche im Handbuch auf diese Themen beziehen, entstünde m.E. ein sehr viel einheitlicheres Buch.

Nichtsdestotrotz stellt das Handbuch – besonders angesichts der Dynamik und der Ausbreitungsgeschwindigkeit – eine längst überfällige Gesamtdarstellung dar und bildet einen wichtigen Referenzpunkt für weitere Forschungen und für das Verständnis zahlreicher evangelikaler Phänomene. Insofern: Unbedingt empfehlenswert!

Fredrik Elwert / Martin Rademacher / Jens Schlamelcher (Hg.): Handbuch Evangelikalismus, transcript 2017. ISBN: 978-3-8376-3201-9

Andreas Hahn