Weltanschauliche Aspekte der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung

Konfessionslosigkeit und Religion:

Konfessionslose sind in ihrer großen Mehrheit nicht auf der Suche nach neuen individualisierten Formen von Religion. Auf S. 81 bekommen hohe Zustimmungsraten (mindestens 6 von 7) die Aussagen: „Brauche keine Religion“ und „kann mit Glauben nichts anfangen“.

Auffällig ist die relative Zustimmung (ca. 5 von 7) zur Aussage: „Bin auch ohne Kirche religiös“ – eine Aussage, die eher zur Individualisierungsthese passt. Dieser Wert hat zwar im Vergleich zur KMU IV leicht abgenommen, müsste aber dennoch in ein Verhältnis zu den anderen Begründungen gesetzt werden. Zu fragen wäre etwa, ob mit dieser Differenz zwischen Kirche und Religion ein sehr weit gefasster Transzendenzbegriff (etwa im Sinne Thomas Luckmanns) gemeint ist, der nicht in der elaborierten Form eines christlichen Gottesglaubens oder einer konkreten kirchlichen Praxis aufgeht. Andererseits zeigt die Tabelle S. 47 in einer viel offeneren Formulierung eine deutliche Korrelation zwischen Transzendenzerfahrung und Gottesdienstbesuch. Ebenso zeigt die Tabelle S. 62 eine hohe Korrelation zwischen subjektiver Religiosität und Kirchenzugehörigkeit und das Gegenteil bei den Konfessionslosen.

 

Kirchenmitgliedschaft und religiöse Vielfalt

Untersucht man das Verhältnis der Befragten zur religiösen Vielfalt, zeigt sich auch ein kein überraschendes Ergebnis im Sinne der Säkularisierungsthese:

Für 57% der Evangelischen ist die religiöse Überzeugung wichtig für die eigene Identität (S. 36) – die Mehrheit hält dies übrigens mit der religiösen Toleranz vereinbar!

Und dies gilt nicht nur für den christlichen Glauben! Die KMU V stellt fest, dass gerade evangelische Kirchenmitglieder eine höhere Affinität zu den „Rändern“ der Glaubensvorstellungen haben als Konfessionslose!

Formen außerchristlicher Religiosität (Sterne, Steine, Amulette, Kristalle, S. 40f)): Evangelische glauben eher an die Wirksamkeit als Konfessionslose – eine Ausnahme bildet die „starke“ Zustimmung bei den Konfessionslosen. Abgebildet auf den Gottesdienstbesuch zeigt sich: wer nie oder sehr selten zum Gottesdienst geht, kann dem Einfluss von Sterben und Amuletten etc. am wenigsten abgewinnen, 20% der regelmäßigen KIrchgänger sieht dabei einen Einfluss auf das Leben.

Zusammenfassend bedeutet dies: außerkirchliche Religionsformen sind innerhalb der Kirchen wahrscheinlicher als außerhalb. „Patchwork-Religiosität liegt offensichtlich besonders dann vor, wenn die Menschen bereits über ihre religiöse Praxis eine Bindung an die Kirche haben.“ (S. 42)

 

Folgerungen:

Weltanschauliche Arbeit sollte sich nicht nur an Inhalten, sondern auch an Formen und an der religiösen Praxis orientieren. Dabei scheint – auch von den bisherigen Beratungserfahrungen her – eine Elementarisierung christlicher Inhalte und christlicher Praxis, ihrer Riten und Symbole, geboten. Zu bedenken ist auch die grundaussage der KMU V, nach der religiöse Vielfalt ein Thema innerhalb, nicht nur außerhalb der Kirche ist. Im Umgang mit diesen „randständigen“ Glaubensformen gilt es, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Dialogbereitschaft und Unterscheidungsvermögen zu finden.

 Insgesamt werden allerdings – methodisch bedingt – weitere für die Weltanschauungsarbeit wichtige Themen, die eher antisäkularistische Tendenzen aufweisen, wie z.B.:

-          religionsartige Themen in Werbung, Filmen, Kunst und Wissenschaft

-          Verbreitung esoterischer Praktiken

-          neue christliche Gemeinschaftsbildungen, die diese modernitätsverträgliche Auslegung des Christlichen z.B. auf dem Feld der Eschatologie oder der kultischen Praxis kritisieren (Adventismus, Neuapostolische Kirche, Christengemeinschaft ...)

-          antisäkularistische Protestbewegungen in Gestalt von Fundamentalismen

in der KMU V nicht betrachtet.

 

Die im Text genannten Seitenzahlen beziehen sich auf: Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (März 2014)