Willow Creek Leitungskongress 2018 in Dortmund

Kaum zu unterschätzen sind die Impulse für die Entwicklung von Gemeinden, die von der Willow Creek Assiciation ausgehen. Die namengebende amerikanische Megakirche Willow Creek Community Church in Chicago will vor allem eine Kirche für bislang Kirchendistanzierte (unchurched) sein und sie mit dem Evangelium in Kontakt bringen. Dazu suchen sie nach Ausdrucksformen aus zeitgemäßer (Popular-) Kultur, im Blick auf Gottesdiensträume, -formen und -musik und wollen diese in qualitativ hochwertiger Form präsentieren. Zahlreiche Freikirchen wie auch landeskirchliche Gemeinden sind über das internationale Netzwerk der „Willow Creek Association“ mit dem Ziel verbunden, Mitarbeitende in den Ortsgemeinden zu inspirieren und zu fördern. Viele Aspekte wie neue Gottesdienstformen ohne traditionelle Liturgie, aber mit moderner Popmusik, aber auch Glaubenskurse, gezielte Kleingruppenarbeit oder Kindergottesdienstprogramme gehören mittlerweile zum Gemeindealltag.

Entscheidend für das Konzept von Willow Creek ist aber nicht das methodische Vorgehen, sondern eine grundsätzliche Haltung: der Wunsch, die Welt so zu gestalten, wie man sie sich vom Evangelium her vorstellt. Bill Hybels, Gründer und zum Zeitpunkt des Kongresses noch Leitender Pastor von Willow Creek, spürte eine „heilige Unzufriedenheit“ („holy discontention“) über Unrecht und Missstände in der Welt wie in der Kirche, vor allem über dysfunktionale Kirchengemeinden.

Um die Kongressbesucherinnen und –besucher selbst in eine solche Haltung zu bringen, wollte man sie offensichtlich weniger belehren als motivieren und inspirieren. Emotionen wurden geweckt, durch persönliche Erzählungen und Gebete wie durch kreative Darstellungen und durch Musik. Hier liegt nach meinem Eindruck auch der Grund für den Erfolg dieser Konferenzen. Immer wieder hörte ich, zwar sei nicht wirklich etwas Neues dabei gewesen, aber die allgemeine Stimmung habe begeistert und inspiriert. Diese Äußerungen machen verständlich, warum ein fester Stamm von Teilnehmenden alle 2 Jahre wieder neu zu einem Kongress aufbricht: um sich wieder neu inspirieren und emotional motivieren zu lassen – weniger um sich fachlich fortzubilden.

So bleibt festzuhalten: Das Willow Creek Konzept ist einflussreich und bewegt zahlreiche Gemeinden. Es gibt Mitarbeitenden zahlreiche und gute Werkzeuge an die Hand, um Gemeinden zu gestalten. Es nimmt die Realität pluraler Gesellschaften ernst und kann auf deren Kulturen oft besser angehen als die traditionelle kirchliche Hochkultur. Darin motiviert es Mitarbeitende, auch der jüngeren Generation, die im gemeindlichen Alltag oft fehlen. Hohe Qualitätsstandard zu suchen kann man in einer zunehmend dienstleistungsorientierten Gesellschaft immer weniger vernachlässigen.

Wirklich zentral in der Arbeit von Willow Creek scheint mir aber die durch persönliche Spiritualität geweckte Emotionalität zu sein. Hierdurch – und weniger durch theologische oder handlungsbezogenen Impulse – werden die Kongressteilnehmenden motiviert, sich zu engagieren. Das ist ein wichtiger und positiver Beitrag von Willow Creek für zukünftige Gemeinde – und Kirchenentwicklungen. Trotzdem: Innere Unruhe ist nicht per se „heilig“. Dazu bedarf es erst einer Deutung. So wurden auch in Dortmund Emotionen hervorgerufen, deren Deutung als Gottesbegegnung durch den Kontext nahegelegt wurde. Theologisch reflektiert wurde aber über diesen Zusammenhang von emotionalem Erlenem und christlicher Deutung nur wenig. Eine Reflexion darüber hätte sicherlich der Intensität der Erfahrung Abbruch getan. Sie würde aber dem Vorwurf gefühlsmäßiger Manipulation begegnen und zugleich den Blick stärker auf die konkreten Angebote für Gemeindeaufbau lenken, die die Willow Creek Association in ihrem Repertoire hat.

(Der vollständige Text findet sich im Materialdienst der EZW 4/2018)

Andreas Hahn

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