"Sekte" – ein problematischer Begriff

Das Wort „Sekte entstammt dem Lateinischen (das zugrunde liegende Verb sequi bedeutet „folgen“) und bezeichnet eine Partei oder Schule. In der traditionellen, theologischen Bedeutung meint man damit eine Abspaltung von einer Mutterreligion aufgrund von Sonderlehren, die über stilistische Fragen hinaus trennenden Charakter haben. Insofern birgt der Begriff Sekte immer auch Konfliktpotential gegenüber der Mutterreligion.

Dieses Verständnis von Sekte ist zunehmend unbrauchbar geworden.

Solange weitgehend homogene religiöse Verhältnisse herrschten mit einer dominierenden Religion – oder  wie in Deutschland mit den beiden großen Konfessionen – und die „Sekten“ eine Minderheit bildeten, konnte dieser Begriff in negativer Abgrenzung verwendet werden: Was eine „Sekte“ war, bestimmte die Mehrheit.

In der heutigen Situation einer religiösen Vielfalt und Ausdifferenzierung ist dies nicht mehr möglich und auch wenig sinnvoll. Die bloße historische Priorität kann kein Kriterium für die negative Qualifizierung als „Sekte“ sein – sonst wären auch die evangelischen Kirchen „Sekten“ gegenüber der katholischen oder das gesamte Christentum gegenüber dem Judentum. Man kann das bezeichnen, damit verliert aber der Begriff seine Schärfe und letztlich seinen Sinn.

Schwierig wird dieser Begriff und seine Verwendung auch, wenn man bedenkt, dass es auch religiöse oder religionsähnliche Neugründungen gibt, wie z.B. Scientology, die nicht aus einer Abspaltung hervorgegangen sind.

 

Abspaltungen und Sonderlehren sind kein Kennzeichen für Sektierertum. Erst da, wo historische Abspaltungen zu exklusiven Abgrenzungen werden und Sonderlehren zu Konflikten führen, kann man sinnvollerweise von „Sekten“ sprechen.

Dieser Begriff bleibt aber problematisch, weil er im Grunde ein Kampfbegriff“ ist. Man qualifiziert eine Gruppe ab und man tut dabei so, als können man klar zwischen Schwarz und weiß unterscheiden. In der Realität finden wir aber viel mehr Grausstufen. Die frühere Definition einer Abspaltung von einer Mutterrreligion mit einer Sonderlehre ist für Gruppierungen wie z.B Scientology wenig hilfreich. Der Enquete-Kommissionsbericht zu sogenannten Sekten und Psychogruppen (1996-1998) hat dies deutlich gemacht. Daher sollte man vielleicht besser von "konfliktträchtigen Gruppen" sprechen, die also für ihre Mitglieder nach innen oder nach außen Konflikte bergen, indem sie sie geistig, körperlich und/oder materiell so stark unter Druck setzt und von sich abhängig macht, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Damit werden natürlich auch nichtreligiöse Gruppierungen erfasst.

"Sekte" ist dann weniger die Beschreibung einer Gruppe, sondern ein Prozess - man sprich folglich von "Versektung" (wenn eine Gruppe immer mehr oder stärkere konflikträchtige Merkmale zeigt) bzw. von "Entsektung".

Das kann z.B. beginnen mit einem absoluten Wahrheits- und Erlösungsanspruch einer Gruppe, verbunden mit dem o.g. Schwarz-Weiß-Denken. Wird dann die Gemeinschaft nach innen stark betont oder sogar ausschließlich gefordert und alle Kontakte nach außen verboten, kommen wir schon zu stärker konfliktträchtigen Merkmalen. Diese können noch gekoppelt werden mit Bedrohungsszenarien und Endzeiterwartungen in der Lehre sowie in der Praxis mit einem Personenkult um die Leiter und deren Unkritisierbarkeit. Ganz oben in der Konfliktskala stehen endlich die Kontrolle vieler oder aller Lebensbereiche,  die Verbreitung von zugehörigen Verschwörungstheorien und die vollständige finanzielle, berufliche, familiäre etc. Abhängigkeit der Mitglieder von der Gemeinschaft und ihrer Leiter.

Beispiele für solche Versektungsprozesse können wir geradezu klassisch sehen in der Entwicklung der „Bibelforscher“ im 19. Jahrhundert zu den straff organisierten und hierarchisch strukturierten Zeugen Jehovas.

Beispiele für Entsektung zeigen die Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten oder in neuerer Zeit die Neuapostolische Kirche.

Die Abgrenzung zwischen "Sekte" und "Nichtsekte" kann immer nur graduell geschehen.

Schließlich haben auch die Kirchen immer wieder solche Konflikte produziert, etwas wenn das Evangelium als Moral missverstanden wurde. Moral hat immer etwas mit Macht zu tun. Max Weber hat es formuliert: Wer nach Ethik und Werten fragt, fragt auch nach Macht. Da sind Einflüsse dabei gewesen, die wir als Kirche vom Evangelium her hätten niemals haben dürfen.

Daher ist dem früheren Weltanschauungsexperten Hansjörg Hemminger zuzustimmen, wenn er im Sektierertum "unsere ureigenste Möglichkeit" sieht H. Hemminger: Was ist eine Sekte?, Stuttgart 1995, S. 142). Wenn aber Wahrheit und Erlösung nicht nur in der eigenen Gruppe, sondern auch außerhalb gesucht werden darf, können Gegenkräfte mobilisiert werden, die der Tendenz zu einer Versektung Widerstand leisten. Hierin unterscheiden sich Kirchen von "Sekten".

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